Kautschuk_Ausgabe_2026_25

müssten die öffentlichen Investitionen – gemessen an den Gesamtausgaben – um rund ein Fünftel steigen. SCHWERPUNKTE NEU SETZEN Die Auswertung zeigt, dass Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Industriestaaten mehr für die soziale Sicherung ausgibt. In den Bereichen Bildung und Investitionen liegt die Bundesrepublik dagegen deutlich hinter den Vergleichsregionen in Europa zurück. Um wieder mehr wirtschaftliches Wachstum zu generieren, sollte die deutsche Politik also dringend umsteuern – und die staatlichen Ausgabenschwerpunkte neu justieren. Carsten Ruge KÖLN. In Zahlen gegossene Politik – so wird der Staatshaushalt häufig bezeichnet. Und das zu Recht, schließlich bildet er die Prioritäten einer Regierung ab. Welchen Stellenwert hat das Soziale? Wie wichtig ist das Bildungswesen? Wie viel wird investiert? All das lässt sich aus dem Zahlenwerk ableiten. Um die deutschen Ausgaben besser bewerten zu können, hat das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) die Staatsausgaben der Bundesrepublik mit denen mehrerer Vergleichsregionen ins Verhältnis gesetzt. Regionen, die hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Entwicklung und kulturellen Prägung Deutschland relativ ähnlich sind. Und die Ergebnisse des IW sind leider ziemlich bedenklich. BEDENKLICHE ANALYSE Zunächst einmal allgemein: Die Staatsquote – also die Ausgaben des Staates gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) – betrug 2023 hierzulande 48,4 Prozent. Damit lag die Bundesrepublik unter dem EU-Durchschnitt und auch unter dem Wert der nordischen Länder (Dänemark, Finnland, Schweden, Norwegen und Island), die knapp 50 Prozent erreichten. Deutlich niedriger ist die Staatsquote dagegen in der Region Österreich/Schweiz mit gerade einmal 43,1 Prozent. Um spezifischere Aussagen treffen zu können, haben die Forscher zehn Kategorien genauer untersucht. Die wichtigsten Ergebnisse: Soziale Sicherung. Dieser Posten vereint die größten Ausgaben der Staaten. Darunter fallen unter anderem Beiträge zur Alterssicherung, Zahlungen im Krankheitsfall und bei Erwerbsunfähigkeit sowie das Arbeitslosengeld. Deutschland lag hier 2023 mit einem Anteil von 41 Prozent an allen Ausgaben an der Spitze. Und verzeichnete 3 Prozentpunkte höhere Ausgaben als die EU im Durchschnitt. Gesundheitswesen. In der finanziell zweitwichtigsten Kategorie lag Deutschland auf einem ähnlich hohen Niveau wie die Benelux-Staaten und die nordischen Länder. In allen flossen zwischen 15 und 16 Prozent der Staatsausgaben in das Gesundheitswesen. Österreich und die Schweiz liegen nur bei einer Ausgabenquote von 12 Prozent. Bildung. Im Bildungssektor liegt Deutschland schon seit Jahrzehnten beständig hinter den Vergleichsregionen zurück! Im Jahr 2023 verwendete Deutschland gerade mal 9,2 Prozent seiner Staatsausgaben für den Bildungsbereich. Die Region Österreich/ Schweiz kam auf 13,1 Prozent. Investitionen. Ökonomen kritisieren schon seit Langem, dass Deutschland zu wenig in seine eigene Zukunft investiert. Die Zahlen der IW-Studie untermauern diese Einschätzung: Über den gesamten Betrachtungszeitraum liegen die Investitionen hierzulande deutlich hinter denen anderer Länderregionen zurück. Auch der EU-Durchschnitt wird bei Weitem verfehlt. Schon um diesen zu erreichen, Was Deutschland besser machen kann Staatsfinanzen Die Bundesrepublik verwendet ihr Geld nicht sonderlich zukunftsweisend INVESTITIONEN: DEUTSCHLAND LEISTET ZU WENIG So viel Prozent der Staatsausgaben waren Investitionen Benelux: Belgien, Niederlande, Luxemburg Nordische Länder: Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland, Island Quellen: EU-Kommission, Eurostat, OECD, Institut der deutschen Wirtschaft BILDUNGSAUSGABEN: DEUTSCHLAND LIEGT ZURÜCK So viel Prozent der Staatsausgaben flossen in den Bildungssektor Benelux: Belgien, Niederlande, Luxemburg Nordische Länder: Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland, Island Quellen: Eurostat, OECD, Institut der deutschen Wirtschaft Österreich/Schweiz Benelux Nordische Länder Deutschland 2003 2013 2023 9,4 9,2 8,5 12,4 12,4 13,0 11,4 11,3 11,5 13,1 13,0 12,7 Nordische Länder Benelux Österreich/Schweiz Deutschland 6,9 9,3 2025 2001 2005 2009 2021 2017 2013 7,2 5,3 8,3 6,8 6,2 Um produzieren zu können, brauchen Betriebe Strom. Doch der ist noch immer sehr teuer Die Energiewende liegt nicht im Plan: Windkraft, Netze, Wasserstoff, Stromspeicher – überall hinkt der Ausbau den hochgesteckten Zielen hinterher. Den Stand der Dinge hat KAUTSCHUK bereits in der vergangenen Ausgabe aufgezeigt (zum Nachlesen: kautschuk-magazin.de – Stichwort „Energieumbau“). Unser Strommix ist bereits sehr grün – im dritten Quartal 2025 stammten 64 Prozent aus nachhaltigen Quellen. „Die Frage ist jetzt: Wie können wir Erzeugung und Verbrauch besser aufeinander abstimmen?“, sagt IW-Experte Andreas Fischer. Was vielerorts fehlt, sind Leitungen und Speicher. Für Letztere gebe es eine regelrechte Antragsflut, sagt Fischer: „Durch die Masse an Netzanschlussanfragen sind sowohl die NetzEnergie betreiber als auch die Netzanschlusspunkte mehr als ausgelastet, auch wenn noch offen ist, wie viele der Projekte umgesetzt werden.“ Laut Eurostat gehören die Strompreise für Betriebe in Deutschland zu den höchsten Europas – ein echter Wettbewerbsnachteil. Immerhin: Die Senkung der Stromsteuer wird nun auf Dauer beibehalten, die Netzentgelte sinken dank Steuergeld leicht. Und für spezielle, besonders energieintensive Unternehmen soll ein sogenannter Industriestrompreis etwas Entlastung bringen. Fazit: Die Energiewende muss effizienter werden, damit die Kosten endlich sinken. Michael Aust Wir benötigen mehr gut ausgebildete Menschen aus dem Ausland Kollege gesucht – und nicht gefunden: Trotz kriselnder Konjunktur fehlen in Deutschland mehr als 400.000 Fachkräfte! Für ein Drittel der offenen Stellen gibt es keine passend qualifizierten Arbeitslosen. Diese Zahlen kommen aus dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Dessen düstere Prognose, die kein Experte bezweifelt: Schon bald könnten hierzulande einige Millionen Arbeitskräfte fehlen. Laut Bertelsmann-Stiftung ist „eine jährliche Nettozuwanderung von mindestens 288.000 Personen bis 2040 erforderlich“, um die demografisch bedingte Arbeitskräftelücke zu schließen. „Wir haben da aber leider ein doppeltes Problem“, erklärt Professor Axel Plünnecke vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW): „Deutlich weniger Jugendliche als ältere Menschen – und ein sinkendes Schulbildungsniveau.“ Zum Glück sind unsere Hochschulen sehr attraktiv für internationale Studierende. „Viele kommen aus demografiestarken Ländern wie Indien oder Brasilien“, so Plünnecke. „Und über 40 Prozent von ihnen bleiben nach dem Studium hier. Damit könnten wir wohl etwa ein Fünftel der demografischen Lücke schließen.“ Auch für die Zuwanderung von Fachkräften aus der Ferne sind die gesetzlichen Hürden inzwischen deutlich niedriger als früher. Was sonst noch nötig ist: „Etwas längere Lebensarbeitszeit, bessere Kinderbetreuung, Umschulungen, Automatisierung, künstliche Intelligenz – die Lösungen liegen alle auf dem Tisch“, sagt der IW-Experte. Fazit: Das Problem ist schon groß – und wird größer. Aber es gibt viele Ansätze, es zu lösen. Niklas Kuschkowitz Fachkräfte Steigende Sozialabgaben machen Arbeit noch teurer. Das schadet der Wettbewerbsfähigkeit Immer mehr Ältere in Rente, immer weniger Junge im Arbeitsleben: Der demografische Wandel hat Deutschland bald im Griff – mit gravierenden Folgen für die sozialen Sicherungssysteme. Experten warnen vor einem deutlichen Anstieg der Lohnnebenkosten: Die Sozialbeiträge von Betrieben und Beschäftigten für Rente, Gesundheit und Pflege laufen aus dem Ruder, falls die Politik keine Reformen einleitet (mehr dazu auf kautschuk-magazin.de, Stichwort: „Balance“). Ohne Umsteuern würde sich Arbeit hierzulande noch mehr verteuern und das Wirtschaftswachstum bremsen. „Es droht eine Entwicklung, die die Wettbewerbsfähigkeit und damit die Beschäftigungs- und Einkommenschancen Lohnnebenkosten nachhaltig belastet“, warnt Jochen Pimpertz, Experte fürs Thema im Institut der deutschen Wirtschaft. Die Politik müsse die Abgabenbelastung endlich stabilisieren. „Für die Wiederbelebung der Wachstumsdynamik braucht es eine strikte Ausgabendisziplin in den sozialen Sicherungssystemen“, fordert Pimpertz. Da werden also Einschnitte nötig. „Und daher wird langfristig auch das Anheben der Regelaltersgrenze für den Renteneintritt nötig sein.“ Fazit: Bei der sozialen Sicherung besteht besonders dringender Reformbedarf. Michael Stark Die innovative Leistung der Unternehmen in Deutschland hat zuletzt nachgelassen Innovative Firmen, leistungsfähige Foschungslandschaft: Für Deutschland sind das zentrale Voraussetzungen für Wohlstand und Wachstum. Und in manchen Bereichen sind wir da nach wie vor Weltspitze! Aber es ist noch Luft nach oben. Die Bundesrepublik kommt im aktuellen Innovationsindikator des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) nur noch auf Rang zwölf. Vor allem die Innovationsleistung der Unternehmen ist stark zurückgegangen. Deren Aufwendungen für Forschung und Entwicklung am heimischen Standort entwickeln sich weniger dynamisch als in anderen Nationen. Und im wichtigen Bereich Digitalisierung bleibt Forschung & Innovation Deutschland hinter Staaten wie den USA und China zurück. Laut der BDI-Studie ist Deutschland Weltspitze in der Forschung – aber nur Mittelmaß bei der Verwertung. Es ist daher nötig, Wissen schneller in Wertschöpfung zu überführen: etwa durch besseren Technologietransfer, mehr Wachstumskapital für junge Firmen – und weniger Bürokratie. Fazit: Deutschland steht noch gut da, muss sich aber mehr Mühe geben. Michael Stark ZU WENIG ARBEITSKRÄFTE Erwerbspersonenpotenzial in Deutschland ohne weitere Zuwanderung (in Millionen Menschen) Prognose: Bertelsmann-Stiftung, Analyse „Zuwanderung und Arbeitsmarkt“ 2024 2026 45,9 2040 41,9 KAUTSCHUK AUSGABE 25 /FEBRUAR 2026 — 09 08 — KAUTSCHUK AUSGABE 25 / FEBRUAR 2026

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