Kautschuk_Ausgabe_2026_25

Schwerpunkt Neuer Schub für Deutschland ? Viele Unternehmen treten bestenfalls auf der Stelle, in der Industrie gehen jeden Monat etwa 10.000 gut bezahlte Arbeitsplätze verloren. Wie sieht es aus bei wichtigen Wachstumsfaktoren, die unser Land selbst in der Hand hat? der aktuellen Krise befreien kann, weil sie zu einem guten Teil hausgemacht ist“, sagte Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger in einer Rede im November. Er kritisierte die Bürokratie, die Energiepolitik – und den Sozialstaat, „der schneller wächst als die Wirtschaft“. Sein Fazit: „Deutschland scheint irgendwann falsch abgebogen zu sein.“ Es ist eben auch eine Standortkrise, in der wir stecken. Und gegen die sich etwas tun lässt! In diesem KAUTSCHUK-Schwerpunkt geht es daher um sieben wichtige Wachstumsfaktoren: Was hilft den Betrieben – und was bremst sie? Thomas Hofinger Wir alle erleben einen traurigen Rekord: die längste Wirtschaftskrise in der Geschichte der Bundesrepublik. Besonders heftig spüren das die Menschen in der Industrie. Monat für Monat gehen dort etwa 10.000 Jobs verloren. Immer wieder müssen Werke dichtmachen – nicht nur bei den Autozulieferern oder in der Chemie. „Die Industrieproduktion geht das vierte Jahr in Folge zurück“, hat Peter Leibinger im Dezember festgestellt, der Präsident des Industrie-Dachverbands BDI. „Das ist keine konjunkturelle Delle, sondern ein struktureller Abstieg.“ Für den es gewichtige Gründe gibt. Als er sein Ehrenamt als Gesamtmetall-Präsident abgab, spitzte es Stefan Wolf so zu: „Wir haben es uns bequem gemacht im Vertrauen darauf, dass die Russen uns billige Energie verkaufen, die Chinesen unsere Produkte abnehmen und die Amerikaner für unsere Sicherheit sorgen. Aber das funktioniert nicht mehr.“ DIE KRISE IST AUCH HAUSGEMACHT Die Zeiten haben sich sehr schnell geändert. Erst die Coronakrise. Dann Russlands Angriffskrieg in der Ukraine. Immer neue willkürliche Zoll-Attacken des US-Präsidenten. Dazu Chinas rücksichtsloses Vorgehen: unberechenbare Ausfuhrbeschränkungen etwa bei seltenen Erden einerseits, subventionierte Warenflut nach Europa andererseits. Aber man darf die Schuld nicht nur jenseits der Grenzen suchen! „Neu ist, dass sich Deutschland nicht so leicht aus 2019 – AUF DEM NIVEAU DIESES JAHRES VOR CORONA LAG DIE DEUTSCHE WIRTSCHAFTSLEISTUNG 2025 7 JAHRE MIT SCHRUMPFENDEM BRUTTOINLANDSPRODUKT GAB ES SEIT 1990NUR – DARUNTER WAREN: 2020, 2023 UND 2024 78 PROZENT KAPAZITÄTSAUSLASTUNG IM OKTOBER: DAMIT LAG DIE INDUSTRIE DEUTLICH UNTER IHREM LANGJÄHRIGEN SCHNITT Foto: Cavan – stock.adobe.com 2.908.000 MENSCHEN WAREN IM DEZEMBER ARBEITSLOS GEMELDET, 101.000 MEHR ALS IM DEZEMBER 2024 Quellen: Statistisches Bundesamt, Ifo, Bundesagentur für Arbeit Steuern Im internationalen Vergleich holt Deutschland endlich auf Überbordende Regulierung ist das ärgerlichste Problem für viele Unternehmen – die Politik hat das offenbar verstanden Immer mal wieder hat die Politik versprochen, unnütze Bürokratie abzubauen – so richtig geklappt hat es nie. Der neue Anlauf ist allerdings schwungvoll. Was stört die Betriebe am meisten? Die Umfrage „Arbeitgeberbarometer“ zeigte es kürzlich erneut auf: „Für 82 Prozent stellen Vorschriften und bürokratische Anforderungen ein großes oder sehr großes Problem dar.“ Und die gängelnde Bürokratie liegt da mit großem Abstand vorne, vor Punkten wie Fachkräftemangel oder Arbeitskosten, die je 70 Prozent der Unternehmen als großes Problem nennen. Am Problem Nummer eins arbeitet die Regierung aber sehr ernsthaft. Laut Koalitionsvertrag sollen die Bürokratiekosten der Wirtschaft um 25 Prozent sinken. Erstmals gibt es einen Minister für Digitales und Staatsmodernisierung (mehr dazu: kautschuk-magazin.de – Stichwort: „Digitalminister“). Im Herbst hat das Kabinett eine „Modernisierungsagenda“ beschlossen. Erste Punkte wie der „Bau-Turbo“ für einen schnelleren Wohnungsbau sind schon umgesetzt, weitere wie die „Unternehmensgründung in 24 Stunden“ sind in Arbeit. „Mindestens ein Drittel der Berichts-, Dokumentations- und Auskunftspflichten“ soll bald wegfallen, hieß es dann kurz darauf nach einer Bürokratie Ministerpräsidentenkonferenz Anfang Dezember. Und sogar auf EU-Ebene versucht man, überzogene Vorgaben wieder einzufangen – etwa beim Lieferkettengesetz. Aber leider ist auch wieder neue Bürokratie im Anmarsch: das aus Sicht der Wirtschaft komplett unnötige Tariftreuegesetz etwa oder die deutsche Umsetzung der EU-Entgelttransparenzrichtlinie. Im Institut der deutschen Wirtschaft ist Experte Klaus Heiner Röhl denn auch noch skeptisch: Zu oft schon sei politisch versprochener Bürokratie-Abbau am Ende nicht wirklich gelungen. „Das anspruchsvolle neue 25-Prozent-Ziel kann man wohl nur durch mehr ,Mut zur Lücke‘ erreichen“, betont er. „Wir brauchen wieder mehr vertrauensbasierte Regeln statt detailliert nachzuweisender Rechtsumsetzungen.“ Fazit: Was zu lange alarmierend schlecht war, wird nun hoffentlich besser. Thomas Hofinger Nur mit intakten Straßen, Schienen und Netzen kann die Wirtschaft wachsen Die Zahl ist dramatisch: 84 Prozent der Firmen sehen sich durch die mangelhafte Verkehrsinfrastruktur in ihrer Geschäftstätigkeit regelmäßig beeinträchtigt. Das zeigt eine aktuelle Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) unter rund 1.100 Unternehmen auf. Marode Straßen, kaputte Brücken und verspätete Züge belasten die Firmen stärker als in allen Auflagen dieser Umfrage zuvor. 2018 klagten „nur“ 67 Prozent, 2013 sogar „nur“ 59 Prozent über diese Belastungen. „Die Verkehrsinfrastruktur ist zum Bremsklotz für die deutsche Wirtschaft geworden“, sagt Studienautor Thomas Puls, Verkehrsexperte im IW. Hauptproblem sind für fast alle Firmen die Straßen. Kein Wunder: Werden Güter und Waren doch vor allem per Lkw durchs Land gekarrt. Die Schiene? „Aktuell leider keine echte Alternative“, sagt Puls. „In unserer Umfrage nannten nun 71 Prozent der Unternehmen den Schienenverkehr als Standortproblem. Dieser Wert ist mehr als dreimal so hoch wie 2013.“ Auch bei den für die Industrie wichtigen Wasserstraßen gibt es viel zu tun: „Sie haben die mit Abstand älteste Infrastruktur. Es gibt Schleusen, die noch aus der Kaiserzeit stammen“, erklärt Puls. Und schließlich ist da noch das Glasfasernetz: Nur in 43 Prozent der Haushalte in Deutschland reicht das Glasfaserkabel bis in die Wohnung. Selbst Rumänien (84 Prozent) oder Spanien (88 Prozent) sind da deutlich weiter. Im „World Competitiveness Ranking“ der Schweizer Hochschule IMD landet Deutschland bei der Infrastuktur derzeit nur auf Platz 28 von 69 bewerteten Staaten. Immerhin: Die Politik hat schon umgesteuert und Anfang 2025 ein 500 Milliarden Euro schweres Sondervermögen für die Infrastruktur bewilligt. Damit sollen Wege und Netze fit gemacht werden. Ob das schnell gelingt? „Das hängt auch davon ab, ob sich genügend Arbeitskräfte finden“, sagt Puls. Allein auf dem Bau fehlen schon heute Tausende Fachleute: vom Planungsingenieur in der Behörde bis zum Tiefbauspezialisten. Um Sanierung und Ausbau nicht zu verzögern, empfiehlt eine IW-Studie deshalb, Planung, Vergabe und Regulierung radikal zu vereinfachen. Fazit: Die Lage hat sich immer weiter verschlechtert – aber es gibt viel Geld für Verbesserungen. Michael Aust Infrastruktur Unternehmen müssen sehr hohe Steuern auf ihre Gewinne zahlen. Aber das wird besser. Gewinne werden bei uns höher besteuert als in den meisten anderen Industriestaaten: Unternehmen müssen im rechnerischen Mittel 30 Prozent vom Gewinn abdrücken. Das schwächt ihre Investitionskraft und ist ein schwerwiegender Nachteil für die Wettbewerbsfähigkeit. Dieses Problem lag schon lange auf dem Tisch – die schwarz-rote Bundesregierung hat es dann schnell gelöst. Der Körperschaftsteuersatz wird ab 2028 schrittweise gesenkt. Ab 2032 liegt die Gesamtsteuerbelastung der Unternehmen dann bei etwa 25 statt derzeit knapp 30 Prozent. Als Erste-Hilfe-Maßnahme gilt seit Juli 2025 (und noch bis Ende 2027) ein „Investitionsbooster“: Schnellere Abschreibungen für Ausrüstungsinvestitionen können allen Betrieben helfen. „Ein wichtiges Signal für den Standort“, lobte etwa der Verband Gesamtmetall. Im Koalitionsvertrag heißt es zudem: „Wir werden die Einkommensteuer für kleine und mittlere Einkommen zur Mitte der Legislatur senken.“ Fazit: Die schwarz-rote Koalition hat den Unternehmen rasch geholfen. Thomas Hofinger DEUTSCHLANDS WIRTSCHAFTSWACHSTUM Änderung des Bruttoinlandsprodukts (in Prozent) Preisbereinigt, Quelle: Statistisches Bundesamt, Prognose: Durchschnittswert der Erwartungen von rund 30 Banken, Instituten und Organisationen 2022 1,8 2025 0,2 2026 1,1 2023 -0,9 2024 -0,5 KAUTSCHUK AUSGABE 25 / FEBRUAR 2026 — 07 06 — KAUTSCHUK AUSGABE 25 / FEBRUAR 2026

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