Fachkräfte bleiben gefragt Auch wenn der Arbeitsmarkt derzeit schwächelt – langfristig gesehen haben gut ausgebildete Fachkräfte oder Berufsstarter attraktive Job- Perspektiven. Hauptgrund ist das Ausscheiden der Millionen Babyboomer aus dem Arbeitsleben. Denn unsere Bevölkerung schrumpft. Derzeit kommen nur noch etwa halb so viele Kinder zur Welt wie im geburtenstärksten Jahrgang 1964. Bis 2035 sinkt die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter um gut sieben Millionen Leute. Selbst wenn 500.000 Menschen pro Jahr nach Deutschland einwandern würden, gäbe es in zehn Jahren 1,5 Millionen Erwerbsfähige weniger, so das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Gummibetriebe bauen Stellen ab Die Kautschukindustrie verliert weiter an Personal. „Im bisherigen Jahresverlauf – also von Januar bis Mai – ist die Beschäftigung in der deutschen Kautschukindustrie weiter deutlich zurückgegangen. Im Vergleich zum entsprechenden Vorjahr weist das Statistische Bundesamt ein Minus von mehr als 6 Prozent aus“, so Michael Berthel, Chefvolkswirt beim Wirtschaftsverband der Deutschen Kautschukindustrie, zu den aktuellen Entwicklungen in der Branche. Schon zwischen 2019 und 2024 sank die Zahl der Be- schäftigten von 73.000 auf 63.000 – ein Minus von rund 14 Prozent. Als Ursachen dafür nennt der wdk vor allem Strukturwandel, Kostendruck und eine schwächelnde Nachfrage. Gleichzeitig zeigt eine aktuelle Verbandsumfrage: 32 Prozent der Gummibetriebe suchen Personal – vom angelernten Helfer bis zum Akademiker. Das Paradoxon „offene Stellen trotz Stellenabbau“ besteht damit weiter. Illustration: Lustre Art Group – stock.adobe.com, Grafiken: KAUTSCHUK/Nasta Reiss Beschäftigung Da passt was nicht am Arbeitsmarkt Schwache Konjunktur, Kurzarbeit und steigende Arbeits- losenzahlen sind die eine Seite der Medaille. Gleichzeitig herrscht aber in vielen Berufen Fachkräftemangel 164.000 ARBEITSKRÄFTE FEHLEN AKTUELL ALLEIN IN NATURWISSENSCHAFTLICH-TECHNISCHEN BERUFEN 46.100.000 ERWERBSTÄTIGE GAB ES 2024 IN DEUTSCHLAND – SO VIELE WIE NOCH NIE SEIT DER WIEDERVEREINIGUNG 1990 44 PROZENT DER UNTERNEHMEN KÖNNEN DIE DIGITALE TRANSFORMATION AUFGRUND FEHLENDER FACHKRÄFTE NICHT VORANTREIBEN Jahresdurchschnittswerte, 2025: Durchschnitt Januar bis Juli; Quelle: Bundesagentur für Arbeit Die Wirtschaftskrise zeigt sich deutlich Steil nach oben geht derzeit die Zahl der Arbeitslosen. Wirtschaftsexperten rechnen damit, dass im Sommer die Drei-Millionen-Grenze überschritten wird. Die Zahl der offenen Stellen geht in den letzten Monaten zurück. Das liegt aber an weniger neu gemeldeten Stellen – und eben nicht daran, dass Arbeitslose dort einsteigen. Es herrscht ein „Mismatch“: Die Qualifikation der Arbeitssuchenden passt nicht zur offenen Stelle. Arbeitslos gemeldete Menschen (in Deutschland) 2024 694.000 2025 640.000 Offene Stellen (in Deutschland) 2.790.000 2015 2.700.000 2020 2.956.000 2025 Die Industrie ist besonders betroffen Vor allem im Verarbeitenden Gewerbe findet ein massiver Stellenabbau statt. Viele andere Branchen dagegen haben im vergangenen Jahr Personal aufgebaut. Die Stellenbesetzung wird immer schwieriger, Unternehmen brauchen länger, um Ersatz für ausscheidende Mitarbeitende zu finden. Auch das zeigt an, dass in bestimmten Bereichen und Branchen Fachkräfte fehlen. Dazu kommt eine Grundproblematik: In den kommenden Jahren schrumpft die Zahl der Arbeitskräfte demografiebedingt um etwa sieben Millionen. Diese Lücke muss durch verschiedene Maßnahmen möglichst geschlossen werden. Leute f inden dauert länger So viele Tage bleiben offene Stellen im Schnitt frei Wo Stellen entstehen – und wo sie abgebaut werden Zu- und Abnahme von Beschäftigung im Vorjahresvergleich Quelle: Bundesagentur für Arbeit (218.000 Personen) als noch vor einem Jahr (191.000). Monat für Monat melden die Unternehmen zudem weniger offene Stellen an die Agentur für Arbeit. WARUM DIESMAL ALLES ANDERS IST Eine klassische Arbeitsmarktkrise wie aus dem Lehrbuch also, die sich mit Belebung der Wirtschaft sofort wieder in Wohlgefallen auflöst? So einfach ist das nicht, denn es verläuft eben nicht klassisch wie immer. Schließlich gibt es auch die anderen Fakten, wie die Anzahl der Erwerbstätigen in Deutschland insgesamt: Trotz Krise waren im vergangenen Jahr so viele Menschen in Lohn und Brot wie noch nie seit der Wiedervereinigung im Jahr 1990. Im Jahresschnitt waren dies 2024 rund 46,1 Millionen Beschäftigte. Die Zahl hat sich seit Anfang dieses Jahres nicht wesentlich verändert. Noch etwas kommt hinzu: Es kostet die Unternehmen trotz steigender Arbeitslosenzahlen immer mehr Zeit, freie Stellen zu besetzen. Im Schnitt suchten sie vergangenes Jahr gut fünf Monate, bis sie eine oder einen Neuen eingestellt hatten – knapp einen Monat länger als noch 2020, als die Corona-Pandemie die Wirtschaft lähmte. In manchen Engpassberufen dauert die sogenannte Vakanzzeit sogar noch bedeutend länger. Dies ist ein weiterer Indikator, warum die aktuelle Krise am Arbeitsmarkt eben nicht wie viele frühere verläuft: Nach wie vor herrscht in bestimmten Engpassberufen und Branchen akuter Fach- und Arbeitskräftemangel! Und die, die gerade arbeitslos sind, verfügen nicht zwingend über die richtige Qualifikation – oder wohnen vielleicht nicht da, wo gerade gesucht wird. Der Mangel wird sich in den kommenden Jahren noch massiv vergrößern, allein schon durch den demografischen Wandel, wenn Berufstätige der geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen, aber immer weniger Jüngere nachrücken. Experten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) haben kürzlich in ihrem MINT-Frühjahrsbericht errechnet, dass aktuell allein in naturwissenschaftlich-technischen Berufen rund 164.000 Arbeitskräfte fehlen. Diese Lücke ist damit deutlich größer als noch vor zehn Jahren – als die Wirtschaft noch brummte. Das Fatale daran ist: Genau diese Fachkräfte sind es, die Deutschland für eine starke Wirtschaft in wichtigen Zukunftsfeldern braucht. Fast 30 Prozent der Betriebe in Deutschland sind vom demografischen Wandel betroffen und müssen gleichzeitig die Digitalisierung und Dekarbonisierung stemmen. Sie müssen sich anpassen, um mit diesen Entwicklungen Schritt zu halten und im internationalen Wettbewerb zu bestehen. Doch laut IW-Experten kann fast die Hälfte der Unternehmen (44 Prozent) ihre digitale Transformation nicht vorantreiben, weil ihnen dazu das Fachpersonal fehlt. Und ebenso viele Betriebe erwarten, dass sie für die Entwicklung klimafreundlicher Technologien und Produkte in den kommenden Jahren mehr Fachkräfte mit Ausbildung in einem MINT-Beruf benötigen. Ein Dilemma, das durch die desolate allgemeine Wirtschaftslage nicht gerade besser wird. Denn die Personalseite ist ja nicht die einzige „Baustelle“ der Unternehmen. Wegen hoher Kosten an anderen Stellen (Energiepreise, Bürokratie und Sozialabgaben) zögern Unternehmen derzeit dennoch, zu investieren – selbst wenn sie das Personal dazu hätten. WIE KOMMEN WIR AUS DEM TAL HERAUS? Wirtschaftsverbände begrüßen, dass die neue Bundesregierung die Belebung der Wirtschaft als oberstes Ziel ansetzt. „In der Bundesregierung zeichnet sich erstmals seit Jahren ein wirtschaftspolitischer Kurs ab, der Maß, Mitte, Standortstärkung und unternehmerische Freiheit wieder stärker in den Mittelpunkt rückt“, sagt Dr. Volker Schmidt, Hauptgeschäftsführer des ADK. Die angekündigten Maßnahmen zur Entlastung der Betriebe, zur Deregulierung und zur steuerlichen Förderung von Investitionen lassen auf eine Phase der Erneuerung hoffen. Wenngleich viele dieser Initiativen sich erst noch be- weisen müssen – aber sie gehen in die richtige Richtung. Alix Sauer NÜRNBERG. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt bleibt weiter angespannt. „Die Frühjahrsbelebung war insgesamt schwach. Der Arbeitsmarkt bekommt nicht den Rückenwind, den er für eine Trendwende bräuchte“, vermeldete etwa Ende Mai Andrea Nahles, Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit. Sie rechnet mit weiter steigenden Arbeitslosenzahlen für diesen Sommer. Die Krise ist fast überall: kein Tag ohne Berichte über Stellenabbau und Kürzungen in den Betrieben. Allein in der Industrie gehen derzeit pro Monat im Schnitt etwa 10.000 Stellen verloren. Weitere Beschäftigte sind von Kurzarbeit betroffen. Zwar war die Welle im Winter noch höher, aber immer noch waren in diesem Mai mehr Menschen in Kurzarbeit März 2025 im Vergleich zu März 2024 2020 131 2021 118 2022 139 2023 147 155 2024 Pflege & Soziales 66.000 Verkehr und Logistik 29.000 Gesundheitswesen 62.000 Öffentliche Verwaltung 45.000 Zeitarbeit -59.000 Verarbeitendes Gewerbe -127.000 KAUTSCHUK AUSGABE 22 /SEPTEMBER 2025 — 09 08 — KAUTSCHUK AUSGABE 22 /SEPTEMBER 2025
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